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Holzschnitt als Pathosformel, Buchstabe und komplexes polyvalentes Symbol oder Plattform für Meinungspluralität

Interdependent ist das Verhältnis von Wort und Bild bei HAP Grieshaber und es betrifft die Aussage wie die Wirkungsweise. Was bedeutet das?  Text und Darstellung sind voneinander abhängig. Das Bild – zumeist der Holzschnitt – übernimmt als „Lockmittel“ die Aufgabe, den Adressaten der Botschaften anzusprechen, weil es – wenn  beides auf einem Blatt zum Einsatz kommt - oft größer als der Text gestaltet ist. Ein weiteres Merkmal dieser Methodik ist es, daß der Künstler in einfachem, unkompliziertem Formenkanon die bildnerische Formel in Szene setzt.

Auf Basis dieser rezeptionsästhetischen Erkenntnis (1) lässt sich begründen, dass Grieshaber das Bild als schnelles und leicht zu identifizierendes Informationsmittel einsetzt.

Weiter ist es unumstößlich, dass er sich eines grafischen Bildmittels bedient, das durch seine beliebige Reproduzierbarkeit definiert ist.

So liegt die Intention in erster Linie nicht auf der Wahrnehmung des Werkes in einem Kunstraum wie dem Museum, sondern auf dem alltäglichen Gebrauch der gestalteten Objekte.

Mit der konsequenten Hinwendung zum Holzschnitt und zu dessen kraftaufwendender Bearbeitung entscheidet er sich – beinahe schon im Sinne einer eigenen Kommunikationstheorie - für Linie und Fläche. Im Sinne eines „Stempels“ artikuliert er seine Bildaussagen.

Komplett evident wird diese Vereinfachung hin zur Silhouettenhaftigkeit in dem, 1972 angefertigten Werk „Affen und Alphabete“ (anzuschauen unter Google „affen und alphabete grieshaber), in dem der gelernte Typograph Grieshaber differenziert gestikulierende Affen alphabetgleich horizontal auffädelt. Die Motive gerinnen zur geschwärzten Formabstraktion in einer seriellen Präsentation.

HAP Grieshaber selbst ist es, der in einem eigenen Essay auf die ästhetische Bedeutung eingeht, indem er Buchstaben und Gegenstände einander entgegenhält, ein F mit dem „Schirmchen der Mutter auf der Hochzeitreise“ und ein M mit den „hohen Uniformkrägen der Onkels, die immer so aufrecht im Salon saßen“ vergleicht.(2)

Gerade bei „Flugblättern“ wie der „Koreanischen Mutter“ (anzuschauen unter Google koreanische mutter grieshaber/freundeskreis-hap-grieshaber.de)   von 1950 manifestiert sich Grieshabers typische Wort-Bild-Interdependenz, wobei der Text buchstabenhaft reduziert gestaltet ist. Der als einzige Appellation modellierte Text sticht dem Betrachter ins Auge!

Das Bild der pathosgeladenen, mit wenigen Strichen geformten, traurigen Mutter zeigt hier exemplarisch – im Sinne einer affekteregenden Formel – wie der Holzschneider wirksamst seine Information „Frieden“ agitatorisch aufs Papier bringt. Wort und Bild sind wie ein Paar ineinander verwoben, das Bild emotionalisiert, der Text wirkt über die intellektuelle Ebene und beides zusammen verschmilzt zu einer Gesamtaussage.

Dies ist gleichsam eine Vorwegnahme der Diskurse zum Thema Kunst und Sprache und damit zur gestalterisch-ästhetischen Koinzidenz von Text und Bild wie dies später im Projekt Art and Language (1972) manifest geworden ist. La pensée avec image ist eine dazugehörige philosophisch ausgeführte Denkfigur. Mit Hans Blumenberg gedacht mag dies eine Lesbarkeit der Welt sein, die in der Zeichenhaftigkeit von Sprache und Bild vermittelt wird und die damit vielleicht auch die augustinische Metapher vom liber naturae, vom Buch der Natur reformuliert.

Grieshabers Wort-Bild-Gestaltung und Papst Gregor der Große

Grieshabers Arbeitsweise steht in einer weiteren Tradition der Methode, über Bilder Botschaften zu verbreiten. Papst Gregor der Gregor entwickelte Ende des 6. Jahrhunderts dazu folgenden Gedanken: „was die Schrift für die bedeutet, die lesen können, das leistet das Bild für die, die es nicht können.“(3)

Viele Mitglieder der Kirche konnten zu dieser Zeit weder lesen noch schreiben und das Bild – in diesem Fall jede Form der Malerei – konnte so die biblische Botschaften transportieren helfen.

Gerade hier emanzipierte sich die künstlerische Artikulation über das Beiwerk, das Dekorhafte hin zu mehr Autorität und Wirksamkeit. Gregor proklamierte die Klarheit und Einfachheit (claritas et simplicitas), so wie es auch bei Grieshaber ein Diktum ist – über die gesamte Schaffenszeit seines Lebens hinweg.

Der Holzschneider formuliert Gregors Gedanken weiter aus:

„Ich halte nichts von einer Bildnerei, die nur für einen kleinen Kreis von Gleichgesinnten gemacht ist.“(4)

Sein künstlerisches Credo geht über den Gregorschen Anspruch hinaus, indem er die des Lesens Unkundigen – aktualisiert – den Ungleichgesinnten gegenüberstellt.

Er proklamiert Meinungspluralität im Format „Bild“, öffnet das bildnerische Mittel als eine Rezeptionsplattform, wo sich alle Menschen unterschiedlichster Prägung treffen können. Es ist ein Weg von der pastoralen Dogmatik hin zum offenen gesellschaftlichen Diskurs über Text und Bild.

Schneidemesser und Pinsel - Symbiose von Holzschnitt und Malbrief

Grieshabers druckgrafische Wort-Bild-Niederschriften enthalten diesen „roten Faden“ – doch ist es bei den „Malbriefen“ – einer eigenen Kategorie in seinem Oeuvre genauso?

Wer Grieshaber bei der Herstellung seiner Holzschnitte beobachten konnte und kann – dies ist im digitalen Zeitalter jederzeit möglich – der kann Anteil haben am Entstehungsprozess eines Holzschnitts. Als „radikal“ und eine „Dynamik aus Gewaltsamkeit“ (4) nennt er den Prozess des Herstellens in dem Südwestfunk-Film „HAP Grieshaber – Fragen der Zeit –Antworten eines Unabhängigen“ von 1978 (anzuschauen unter youtube grieshaber fragen der zeit)

Stakkatoartig stößt Grieshaber das Messer ins spröde, Widerstand leistende Holz, ringt und kämpft mit dem Material, aus dem er die Form herausbricht. Kleinste Fehler können nicht mehr korrigiert werden, wenn das Holz an entsprechender Stelle weggeschnitten ist, bleibt es unwiederbringlich verloren.

Klare Linienführung und ausbalancierte Statuarik erfordern von vorne herein eine konsequente Vorstellung davon, welches Resultat am Ende stehen soll –  eine vorher aufgebrachte Grundskizze gibt dafür Orientierung. Es ist dies eine gewisse Vorschau auf das, was noch im rohen Material verborgen ist und herausgearbeitet werden soll. In den Kunsttraktaten der Renaissance gilt dies auch als disegno (Entwurf).

Unübersehbar und aus kunsthistorischer Sicht relevant ist Grieshabers Auseinandersetzung mit japanischen Holzschnitten, die er über Ausstellungen und Literatur kennenlernte.(5)

Die japanische Kultur – wie auch die chinesische – prägte und beflügelte die Kalligraphie, die Kunst des „Schönschreibens“ und sie steht der Typographie – dem Drucken mit vorgefertigten Formen – diametral entgegen. In erster Linie diente sie aus historischer Sicht der Weitervermittlung von Literatur, sowohl im abendländisch-mittelalterlichen, wie auch im islamischen und fernöstlichen Kulturraum.

HAP Grieshabers Werk birgt beide Pole – Typograpie und Kalligraphie – als Charakteristikum in sich und sie stehen in einer Kausalität, da die spontan gesetzten zeichnerischen Niederschriften oft den Holzschnitten vorausgehen.

Margot Fürst, zu Lebzeiten als Beraterin, Managerin, Vertraute, Editorin Grieshabers aktiv – um nur einige ihrer Aufgaben zu benennen - und spätere Nachlassverwalterin, unternahm den Versuch, die enorme Flut der „Malbriefe“ (Auswahl 1935-1967) zu sichten und zu publizieren. Sie schreibt dazu:

„Grieshabers Briefe gehören der Öffentlichkeit weil sie Bestandteil des Oeuvres sind. Die Welt kennt den Holzschneider, der die Realisation seiner Bildvorstellungen einem in viele Stationen gegliederten Prozeß aussetzt, Stationen, vor denen die Imagination und das nach spontaner Mitteilung drängende Temperament immer wieder einen neuen Anfang zu bestehen habe. Auf ein latentes Bewußtsein vom Bild bauend, fordert sie (die Graphik) über lange Zeit eine Kontrolle für dieses Bewußtsein, sagt der Künstler selbst einmal dazu.“( 6)

Die Malbriefe sind aber nicht nur als Entwürfe zu den Holzschnitten zu sehen, sondern stellen eine eigene ästhetische, stilistische und inhaltliche Kategorie dar. Grieshabers „Malbriefe“ könnten im fünfstelligen Bereich liegen – bis dato ist die Zahl nicht geklärt, da auch heute immer wieder neue Briefe aus Nachlässen auftauchen.

Rezeption japanische Kunst und der Kalligraph Schneidler

Ab 1926 studiert HAP Grieshaber bei Ernst Schneidler an der Staatlichen Kunstgewerbeschule in Stuttgart, belegt die Fächer Zeichnen, Entwerfen und Schriftschreiben, wird für seine Erfindungsgabe und Begabung gelobt und deshalb an die Kunstakademie weitervermittelt. Schneidler erfand mehr als zwanzig Druckschriften, unter anderem die Schneidlersche Legende, Fraktur, Mediaeval, Latein, Wassermann und er wurde mit seiner „Stuttgarter Schule“ international bekannt. Hans K. Schlegel apostrophiert Ernst Schneidler als einen „Meister des Schreibens und der daraus abgeleiteten Schriftform, des Schriftbildes, des Signets, des lebendigen Ornamentes, der erfinderischen Illustration, sowie der strengen Graphik und Typographie. … Es ging ihm in seiner Lehrarbeit … nicht nur um das Bilden, das Nachmachen, das Reproduzieren, sondern eher um das Erfinden, Operieren und Freilegen von Phantasie.“(6)

Lebendig, fantasievoll kommuniziert Grieshaber über fünf Jahrzehnte hinweg in Form der Malbriefe mit Familienmitgliedern, Freunden, Druckern, Künstlerkollegen, Kunsthistorikern und Kunsthändlern, Verlegern, Publizisten, Schülern und Studenten und die künstlerischen Mittel scheinen unbegrenzt zu sein: er zeichnet, tuscht, aquarelliert, malt, schreibt unter, über, in den Text, an die Ränder, fügt Lyrikzitate ein, vollzieht Wechsel in Stil- und Sprachebenen, nicht nur die Signaturen divergieren und passen sich tarnkappengleich der jeweiligen äußeren Zeitfolie an.

Grieshaber agiert als Verfasser der Malbriefe während des Nationalsozialismus auch in sprachlicher Verstellung einer gezielten „obscuritas“, so wie er den „Pan“ als Symbol des Rufes ins Entbehrte passend zum Kriegsausbruch ins Holz des Widerstandes schneidet. An seinen Stuttgarter Freund Walther Renz, einen früheren Mitschüler bei Schneidler, schreibt er am 30.5.38

… Du weißt, ich halte panisches Allgefühl (griechisch), Furcht vor dem brennenden Busch (mosaisch), Gethsemane (christlich) gegen Lebensangst… . Er unterzeichnet fragmentarisch mit „Euer Gries“ (7)

Die Malbriefe können auch als bildnerisches Echokardiogramm der Grieshaberschen Emotionen gelesen werden, eben dann wenn sie auch erotischer Natur sind. Als Paradigma dafür stehen die mehr als 400 „Briefe an Jutta“ (1978-1981), die 1999 als Buch publiziert werden.

Grieshaber begegnet der 22 Jahre jüngeren, im ostdeutschen Ludwiglust geborenen Bühnenbildnerin am Ulmer Theater, auf der Achalm. Sie besucht den berühmten Künstler auf seinem Hausberg, sie verlieben sich ineinander – HAP ist damals noch mit Riccarda verheiratet und mit der Stuttgarter Schriftstellerin Margarete Hannsmann liiert.

Der Holzschneider, schon sehr krank, schreibt am 12.5.79:

„Liebste Jutta, vielarmige Königin der Bienen, die gibt es gar nicht diese Bienen und was gestochen hat das war der Aberwitz und Fürwitz mit erfundenen Immen von … Deinem hap… Am liebsten hätte ich „ätsch“ gerufen, ich habe Dich nun doch gefangen. Es gibt das alles nicht, die Bienen verwirren „durch Liebe“… PS: ob eintausend fünfhundert Streicheleinheiten ankommen? Auf Malbriefen ist schlecht schreiben, noch einmal geht es nie. Ist das Theater der Taubstummen schön! Ohne Sprache! (8) 

Schon 1977  schneidet er nach einem Titel des Dichters Nazim Hikmet die 13-teilige Folge „Die Liebe ist ein Hemd aus Feuer (anzuschauen unter google die liebe ist ein hemd aus feuer grieshaber) und die Werke zeigen Paare beim Liebesspiel in ekstatischer Positur und wilder Gestik. Die Briefe an Jutta motivieren Grieshaber dann auch zu einer Serie an großformatigen Aquarellen. Die Braunschweiger Galerie Schmücking reproduzierte zweiunddreißig – entstanden zwischen April und September 1979 – in dem Bildband „Ortus sanitatis“ in einer Auflage von 980 Exemplaren.

Liebes- und Naturgeschichten, körperliche Intensität und wogendes Seelenleben demonstrieren die Briefe in einer rauschaften, wilden aber auch anschmiegsamen und zärtlichen Expressivität – eine Kommunikationsform mit sich gegenseitig intensivierenden Wort – und Bilderwelten.

Die Malbriefe sind auch Medium für politische, historische, philosophische Diskurse – dieses große, eigene Themenfeld wird in Teil 4 dieser Grieshabermonograpie ausführlich diskutiert werden.

Anmerkungen:

  1. Rall, Iris-M.: HAP Grieshaber. Wort und Bild als Paar. Wirkungsweisen und Wechselwirkungen. Magisterarbeit m Fach Rhetorik 1991. Edition: Galerie Haus Geiselhart, Reutlingen 1993.
  2. Grieshaber, HAP: Die Schrift. Der Text ist entnommen der Zeitschrift „labyrinth“, Heft 3/4, Juni 1961, herausgegeben von Werner Trott zu Solz, Walter Warnach, Heinrich Böll und HAP Grieshaber und erschienen in der Edition Toni Pongratz in einer nummerierten Auflage. Hauzenberg 1989, S.1
  3. Gombrich, Ernst H.: Die Geschichte der Kunst. Stuttgart und Zürich 1986, S. 105
  4. „HAP Grieshaber – Fragen der Zeit – Antworten eines Unabhängigen“. Gesprächspartner und Regie Georg Felsberg. Produktion: Südwestfunk Baden-Baden 1978. Aufnahme: BR-Alpha 15.02.2009
  5. Grieshaber verfügte über einen umfangreichen Bestand an Büchern und Ausstellungskatalogen über japanische Kunst des späten Zen mit Hokusai; Technik, Geschichte japanischer Holzschnitt- und Farbholzschnittkunst; Handzeichnungen, Malereien und erotische Kunst japanischer Holzschneider; siehe auch: Grieshaber-Privatbibliothek-Index „Sachgebiete“ Nr. 4704-4785
  6. Schlegel, Hans K.: Meister und Künstler, in: Schneidler, Ernst F.H. . 34. Jahresgabe der Fachhochschule für Druck Stuttgart. Stuttgart 1982
  7. Fürst, Margot (Hg.): Grieshaber Malbriefe. Stuttgart 1967, 20.
  8. Fürst, Margot (Hg.): HAP Grieshaber Briefe an Jutta 1978-1981. Ostfildern 1999, S.13

 

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